Kardinäle von allen Kontinenten kommen zusammen und wählen eingeschlossen in der Sixtinischen Kapelle in Rom und im Geheimen einen aus ihren Reihen: den Papst! Kontakt zur Außenwelt ist ihnen dabei strikt untersagt. Im Boden eingelassene Störsender, keine Handys, keine Nachrichten, kein Internet: diese Wahl ist abgeschirmt wie keine andere!
Warum sind die Papstwähler überhaupt eingeschlossen? Wie kam es dazu und warum wird aus dieser Wahl ein derart großes Geheimnis gemacht? Das Konklave ist deshalb so faszinierend, weil es wahrscheinlich die einzige Wahl in der Welt ist, wo man nun wirklich nicht parallel im Wahllokal selber mitgucken kann, sondern die einzige Kommunikation zwischen den abgeschotteten Wählern drinnen und uns, die wir draußen auf dem Petersplatz stehen oder an den Fernsehschirmen, sind Rauchzeichen.
Schwarzer Rauch, der Wahlgang hat nicht geklappt, weißer Rauch, es hat funktioniert. Das ist natürlich eine geniale Inszenierung. Was eigentlich drinnen im Konklave abgegangen ist, das wissen wir nicht.
Es ist geheim. Bekannt sind lediglich die Abläufe der Papstwahl heute: Alle Kardinäle, die zum Zeitpunkt des Todes oder Rücktritts eines Papstes jünger als 80 Jahre alt sind, sind wahlberechtigt und ziehen ins Konklave ein. Wahlort ist die Sixtinische Kapelle und zunächst legt jeder Kardinal dort einen noch öffentlichen Geheimhaltungseid ab.
Anschließend werden die Kardinäle eingeschlossen. Nichts anderes besagt der Begriff „Kon-Klave“ - "mit Schlüssel“, also eingesperrt. Am ersten Tag erfolgt eine Wahl, danach vormittags und nachmittags jeweils zwei Wahlgänge.
Hierbei schreibt jeder Kardinal seinen Kandidaten auf einen Wahlzettel – möglichst mit verstellter Handschrift - faltet ihn zweimal und tritt zum Altar. Dort hält er seinen Stimmzettel hoch und spricht: „Ich rufe Christus, der mein Richter sein wird, zum Zeugen an, dass ich den gewählt habe, von dem ich glaube, dass er nach Gottes Willen gewählt werden sollte. “ Der Zettel kommt jetzt in die Wahlurne.
Im Anschluss werden die Stimmzettel kontrolliert und öffentlich ausgezählt. Gewählt ist, wer Zweidrittel der Stimmen auf sich vereinigt hat. Nimmt dieser die Wahl an, legt er einen Papstnamen für sich fest.
Dabei orientiert er sich an Heiligen oder Vorgängerpäpsten, die ihm für sein Pontifikat als Vorbild dienen. Erst jetzt erfährt die Welt draußen davon. Es gibt irgendwann weißen Rauch, dann geht auf der Loggia die Tür auf und dann sagt der Kardinaldiakon: Habemus Papam.
Aber er sagt vorher noch was anderes. Das ist das, was man immer vergisst. Er sagt nämlich vorher: Annuncio vobis Gaudium Magnum.
Ich verkünde euch eine große Freude. Und jeder, der vielleicht schon mal an Weihnachten sich in die Kirche verirrt hat, hört natürlich das Weihnachtsevangelium. Das geht ja weiter, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll.
Denn euch ist heute in der Stadt David, der Retter geboren. Welcher ist Christus, der Herr - Habemus Papam! Also wer ist der Papst?
Der Papst ist eigentlich Christus. Aber: so war das nicht immer. Im ersten Jahrhundert gab es keine Bischöfe und daher auch keine Päpste.
Christliche Gemeinden wurden von einem Team, bestehend aus Männern und Frauen, geleitet. Später setzt sich ein Bischof als Gemeindeleiter durch. In den ersten drei bis vier Jahrhunderten wird er von der ganzen Gemeinde gewählt.
Denn: wer allen vorsteht, soll auch von allen gewählt werden. Der Bischof von Rom wird erstmal in der ersten Zeit ganz genauso von Klerus und Volk gewählt. Nur in dem Moment, wo die römische Gemeinde, ja die Hauptstadtgemeinde, ganz schnell wächst, da muss man irgendeine pragmatische Lösung finden, das geht dann so: Es wählen immer stärker nur die Kleriker, also die Priester und Diakone.
Die präsentieren dann den Gewählten. Dann muss aber das Volk akklamieren, muss sagen, ja, das ist unser Bischof. Und wenn die Akklamation des Volkes zu der Wahl kommt, dann ist derjenige gewählt.
Doch mit der Zeit erhält der Bischof von Rom eine Vorrangstellung: er wird vom Kaiser eingesetzt und beginnt, den Titel Papst zu führen. Besondere Macht verleiht ihm Kaiser Konstantin. Er ist der erste Christ auf dem römischen Kaiserthron.
Anfang des 4. Jahrhunderts soll er durch die so genannte Konstantinische Schenkung Papst Silvester I. den Lateranpalast und die Lateranbasilika übergeben haben - als Symbole für die geistliche Herrschaft über die gesamte Kirche und die weltliche Herrschaft über Italien und das westliche Imperium.
Auch wenn sich diese Schenkung Jahrhunderte später als Fälschung erweist, wird dem Bischof von Rom und der Kirche dadurch eine nie zuvor gekannte, politische Bedeutung eingeräumt. Die Lateranbasilika ist die Bischofskirche des Bischofs von Rom. Und der ist erst in dem Moment Bischof von Rom, wo er gewählt ist, geweiht, und dann auf dem Thron des Bischofs, also der Kathedra des Bischofs, Platz genommen hat.
Und jetzt ist die Frage, die alte Streitfrage, wird der Papst, Papst, weil er Bischof von Rom ist, oder wird er Bischof von Rom, weil er schon Papst ist? Und historisch ist die Sache relativ klar. Er muss erst Bischof von Rom sein, und wenn er im Lateran sich hingesetzt hat, dann hat er die Möglichkeit, den Petrusdienst zu übernehmen.
Bis heute hat der Bischof von Rom seinen Sitz im Lateran und nicht etwa im Petersdom. Hier aber liegt der Apostel Petrus begraben, dem Jesus laut biblischer Überlieferung seine Kirche anvertraute. Auf seine herausgehobene Führungsposition beruft sich der Papst.
Er beansprucht, ein Nachfolger des Heiligen Petrus zu sein, der als erster Bischof von Rom und in Folge auch als erster Papst verstanden wird. Der Bischofssitz von Rom wird zunehmend attraktiver, religiös wie politisch. Denn: nur der Bischof von Rom ist auch Papst.
Das bringt Bischöfe anderer Orte dazu, eine Karriere in Rom anzustreben. Allerdings gibt es einen Haken: seit dem Konzil von Nicäa 325 gilt der Wechsel eines Bischofssitzes als Ehebruch! Denn: die Verbindung des Bischofs mit seiner Kirche wurde als eheähnliches Band verstanden.
Trotzdem kommt es in Folge zu findigen Versuchen, das Verbot von Nicäa zu umgehen. So auch 897 bei der so genannten Leichensynode: Papst Formosus ist gestorben, bereits begraben, seit einiger Zeit. Sein Nachfolger stirbt relativ schnell und jetzt wird der Bischof von Anagni gewählt, der sich Stefan VI nennt.
Und das ist ja sofort klar: Was macht er? Der ist Bischof von Anagni, wenn er Bischof von Anagni ist, kann nicht Bischof von Rom werden, weil es Ehebruch wäre. Jetzt hat er eine geniale Idee.
Er sagt, und er ist von Formosus, seinem Vorvorgänger, zum Bischof von Anagni geweiht: stellen wir uns mal vor, der Formosus wäre gar kein richtiger Papst/Bischof gewesen, sondern ungültig. Wenn der ungültig wäre, hätte der mich zum Bischof von Anagni auch ungültig geweiht. Hätte der mich aber ungültig geweiht, wäre ich gar nicht Bischof, wenn ich nicht Bischof bin, kann ich natürlich zum Bischof von Rom gewählt werden.
Kurzerhand wird der tote Papst Formosus wieder ausgraben, auf einen Thron gesetzt, ein Diakon leiht ihm seine Stimme und dann wird dem Toten der Prozess gemacht. Er wird als Ketzer verurteilt und damit ist der Weg für Stephan auf den Bischofsthron von Rom frei, ganz legitim. Sein Beispiel macht Schule: immer mehr Bischöfe finden eine Möglichkeit, um nach Rom zu wechseln.
Macht und Ansehen des Amtes rufen jetzt die mächtigen adligen Familien Roms auf den Plan. Sie versuchen jeweils ihre Kandidaten auf den Stuhl Petri zu bringen. Das erschwert häufig die Einigung auf einen Papst und 1057 kommt es zu einer folgenreichen Doppelwahl: Stefan IX.
war gestorben, in Rom hatten Klerus und Volk Benedikt X. zum Papst gewählt. Er war nach damaligem Recht der legitime Bischof von Rom.
Jetzt passiert aber etwas Verrücktes. 4 - 5 Kardinalbischöfe verlassen Rom, gehen nach Siena und wählen jetzt in Siena Nikolaus II. Das ist nach Kirchenrecht, ganz klar: Nikolaus II.
ist ein ungültiger Papst, weil Benedikt X. im Lateran inthronisiert worden ist. Politisch setzt sich allerdings Nikolaus durch.
Das heißt, er ist am Ende der Sieger, aber er hat ein Problem. Das Problem heißt: ich bin eigentlich ungültig. Was macht er?
Er macht jetzt seine eigentlich 1057 erfolgte ungültige Wahl im Nachhinein durch das berühmte Papstwahldekret 1059 gültig, indem er sagt: "Ja, also das Wahlrecht ist nicht mehr bei Klerus und Volk, sondern bei den Kardinälen. " Und er ist in dem Moment der Papst, wo er die Wahl annimmt. Das heißt, die Annahme der Wahl gibt ihm jetzt alle Vollmacht zur Ausübung seines Amtes.
Nikolaus II. macht die Kardinäle zum einzig gültigen Wahlgremium. Von einer Wahl im Konklave ist man zu diesem Zeitpunkt aber noch weit entfernt.
Zuerst kommt mit Papst Alexander III. die nächste Veränderung: Er führt die notwendige Zweidrittelmehrheit ein. Nur wer 2/3 hat, kann wirklich den Anspruch erheben, dass er Papst ist.
Und das hat natürlich dazu geführt, dass die Konklave in der Folgezeit oft länger dauern, weil man natürlich lange braucht, um sich dann irgendwie doch auf einen Kandidaten zu einigen. Aber die Grundidee ist halt: Wir wollen vermeiden, dass wieder zwei Kandidaten auftreten und jeder von denen gleichzeitig sagt, ich bin der Papst. Auf zwei Herausforderungen hatte die Kirche bis 1274 bereits reagiert: sie hatte das Wahlgremium auf die Kardinäle beschränkt und sie hatte die Zweidrittelmehrheit eingeführt.
Und jetzt erfindet sie eben nochmal was. Sie erfindet nämlich das, was wir heute mit Papstwahl synonym verwenden. Wir sagen ja eigentlich kaum Papstwahl.
Oder wir sagen meistens nur Konklave. Obwohl es halt Konklave als Rechtsvorschrift erst seit 1274 gibt. Und zwar als Reaktion auf die längste Papstwahl der Geschichte.
Sie hatte drei Jahre lang gedauert! Und so kam es dazu: Papst Clemens IV. war in Viterbo, einem kleinen Städtchen 80 km nördlich von Rom, gestorben.
Nach damaliger Praxis wurde der Nachfolger dort gewählt, wo der Vorgänger verstorben war. Die Kardinäle wohnten in den umliegenden Residenzen und gingen jeden Tag zur Wahl in die Kathedrale. Eile hatten sie dabei nicht.
Denn: Sie bezogen neben ihren eigenen Einkünften auch die des verstorbenen Papstes. Hinzu kam eine äußerst schwierige politische Situation. Ganz unterschiedliche Mächte versuchen irgendwie einen Papst ihrer Richtung durchzukriegen.
Also, was machen wir? Wir fangen an zu wählen und das zieht sich erst mal anderthalb Jahre hin. Dann sagen die Stadtväter von Viterbo: "Nee, wir wollen jetzt nicht, dass da ständig diese Gesandten da von außen kommen und den Kardinälen irgendwas ins Ohr flüstern, jetzt machen wir mal die Stadt zu.
" Die Beeinflussung von außen fällt damit weg. Doch auch das zeigt nicht die gewünschte Wirkung. Zwei Jahre sind inzwischen vergangen – die Kardinäle haben zwar täglich gewählt, aber ohne Ergebnis.
Die Stadtväter erhöhen den Leidensdruck: Sie locken die Kardinäle zu einem festlichen Essen in den Papstpalast und sperren sie ein! Dann entzieht man ihnen Einkünfte, Essen und als das immer noch nicht funktioniert, jetzt sind wir im Sommer, deckt man das Dach des Palasts ab, die sind also in der großen Halle, das Dach weg und die schöne italienische Sonne, wenn die so direkt runterscheint, oder sagen wir es doch theologisch, die Einflugschneise für den Heiligen Geist wird unmittelbar geöffnet und nach 1. 006 Tagen haben die Kardinäle ein Papst gewählt.
Der neugewählte Papst Gregor X. verfügt auf dem Zweiten Konzil von Lyon: Modus der Papstwahl ist künftig das Konklave. Einsperren, Abschotten, der Entzug der Einkünfte und karge Mahlzeiten werden zum Prinzip.
Und es zeigt sich: es ist nicht religiös motiviert: Also was ist das Konklave ursprünglich? Eine Beugehaft für unbotmäßige Kardinäle und nicht irgendetwas großartiges, sondern schlicht und ergreifend, wenn ihr es jetzt nicht macht, dann werdet ihr halt einfach mal eingesperrt. Und auch das hat sich am Ende bewährt.
Geheim ist Wahl aber nicht. Es gibt keine Wahlzettel und gewählt wird durch Adoration: also Verehrung des bevorzugten Kandidaten durch Fußkuss. Und nicht nur das.
Nach außen sind die Kardinäle alle Kardinäle - und gleich. Innen drin gelten aber die Parteiungen, also die Netzwerke, die Klientelgeschichten. Also Klientel heißt ja der Kardinalnipot, also der Neffe des Papstes und der Neffe des Vorgänger Papstes und der Neffe des Vorvorhergehenden, das sind die Parteichefs, die halt bei dieser Adorationswahl das Ganze irgendwie organisieren und genau gucken, hör mal, mein Onkel hat dir den roten Hut besorgt, wenn du nicht für mich stimmst, dann werden wir mal gucken.
Diese Art von Mauschelei war Gregor dem XV. zuwider. Er reformiert 1621/22 das Konklave, verbietet die Adorationswahl und führt eine Wahl mit Stimmzetteln ein.
Außerdem soll das Konklave ein eher geistlicher Akt werden. Deshalb verlegt er das Konklave in die Sixtina. Und in der Sixtina gibt es das Jüngste Gericht.
Das heißt, die Kardinäle sollen sich klarmachen, wenn sie vorgehen zum Wählen, wenn sie das Jüngste Gericht angucken und sie können runterfallen, wenn sie es falsch machen oder halt nach oben gehen, das heißt, das Gerichtsmotiv, du darfst nicht den wählen, den du irgendwie aus politischen Gründen, sondern ich wähle den, Stimmzettel hochhalten, ich wähle den, den ich nach Gottes willen wählen muss. In den umliegenden Räumen der Sixtinischen Kapelle wird lange Zeit nicht nur gewählt: hier essen und schlafen die Kardinäle auch. Der ganze Bereich um die Sixtina herum, wurde dazu benutzt, da einfach halt so 80 Zentimeter breite Pritschen mehr oder weniger reinzustellen.
Und es war also hygienisch relativ schwierig. Und bei dem Konklave, aus dem Johannes-Paul II. 1978 hervorging, war es tatsächlich noch so.
Er ist es, der die Ausweitung des Konklave-Bereichs veranlasst: dazu gehören nun auch der Weg der Kardinäle um die Petersbasilika herum zum Apostolischen Palast sowie das Gästehaus Santa Marta. Und damit hat er versucht, für die Wähler irgendein halbwegs erträgliches Klima zu schaffen, gleichzeitig aber strikte Vorschriften, die es bisher nicht gab, mit Störsendern, es ist kein Handyempfang möglich, kein Telefon, es dürfen auch keine Aufnahmen gemacht werden, man darf keine Zeitung lesen. Johannes Paul II.
sorgt dafür, dass die Papstwahl liturgisch aufgewertet wird und dass sie geheim bleibt. Er macht ja aus dem Konklave eigentlich einen einzigen Gottesdienst und der wird unterbrochen, indem man halt Stimmzettel abgibt, aber es soll immer mehr so ein spiritueller Vorgang sein, der natürlich die ganz harten Verhandlungen, die es trotzdem gibt, irgendwie kompensiert, aber er möchte eigentlich eine Liturgie des Konklaves haben. Es ist schon eine ganz starke Inszenierung natürlich.
Und genau deshalb bleibt die Papstwahl - wie wohl keine Amtseinsetzung irgendeines Mächtigen weltweit – in ihrer Faszination bis heute ungebrochen. Aber ihre Anfänge waren demokratischer als heute. Zeit für Reformen?
Man könnte ja durchaus drüber nachdenken, wer sind eigentlich diejenigen, die im Konklave wählen? Und da sehen wir in der Geschichte: Wer allen vorstehen soll, der soll auch von allen gewählt werden. Also von Klerus und Volk!
Und dann hätten wir ein anderes Kardinalskollegium, das eben nicht mehr nur Kleriker, nicht mehr nur Bischöfe sind, sondern das ganze Gottesvolk in der Breite widerspiegelt. Wer weiß, welche Geschichte das Konklave noch schreiben wird – bevor es in Zukunft heißt: habemus papam! Findet ihr das Konklave sinnvoll oder sollten die Regeln für die Papstwahl geändert werden?
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