Kriege gab und gibt es leider viele auf der Welt. Manchmal liefen sie sozusagen unter dem Radar ab. Das heißt, dass niemand so richtig davon Notiz genommen hat.
Zumindest nicht hier in Europa. An anderen dagegen nahm die ganze Weltöffentlichkeit teil. So ein Krieg war der Vietnamkrieg.
Obwohl er eigentlich kein Krieg war, der die politische Weltkarte verändert hat, kennt ihn fast jeder. Warum das so ist und wie der Vietnamkrieg abgelaufen ist, das erklären wir jetzt. Erstens die Vorgeschichte.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs kommen die Länder, die von Deutschland oder Japan besetzt wurden, wieder frei. Teilweise handelt es sich um Kolonialgebiete europäischer Mächte. Ein solches Kolonialgebiet ist Französisch-Indochina.
Heute sind das die Länder Kambodscha, Laos und Vietnam. Die Kolonialmacht ist, wie der Name schon vermuten lässt, Frankreich. Schon länger gibt es eine Unabhängigkeitsbewegung in den vietnamesischen Landesteilen, wobei die Kommunistische Partei Vietnams eine entscheidende Rolle spielt.
Zu der Zeit heißt sie auch Indochinesische Kommunistische Partei. Einer ihrer Anführer ist Ho Chi Minh. 1940 wird Frankreich von Nazideutschland besiegt.
Die Marionettenregierung im unbesetzten Frankreich darf in Indochina weiter die Kolonialmacht verwalten. Aber Japan dehnt seinen Einfluss aus. Schließlich besetzt Japan Vietnam.
Die Frauen und Männer von Ho Chi Minh, auch Vietminh genannt, kämpfen gegen die Kolonialherren und die Besatzer und können sich vor allem im Norden Vietnams festsetzen. Als der Zweite Weltkrieg endet, hoffen sie auf die Unabhängigkeit Vietnams. Aber Frankreich kämpft um seine Kolonie.
1946 kommt es darum zum Indochina-Krieg, in dessen Verlauf die USA Frankreich unterstützen, China und die Sowjetunion dagegen die vietnamesischen Kommunisten. 1954 zieht sich Frankreich geschlagen zurück. Man vereinbart, dass es in ganz Vietnam freie Wahlen geben soll.
Aber das scheitert. Es entstehen zwei Länder. Im Norden, ein kommunistisches Vietnam, im Süden ein kapitalistisches Regime.
Also Südvietnam ist kein demokratischer Staat, sondern ein autokratischer antikommunistischer Staat. Bald gibt es im Süden Aufstände, und es kommt faktisch zu einem Krieg zwischen den beiden Teilen Vietnams. Nordvietnam gewinnt dabei mit der Zeit die Oberhand.
Und jetzt kommt es zum zweiten Punkt: Eingreifen der USA. Die US-Regierung will verhindern, dass sich der Kommunismus weiter ausbreitet. Deshalb hatte man schon die Franzosen unterstützt und den französischen Krieg gegen die Kommunisten in Nordvietnam mitfinanziert.
Und deshalb unterstützt man jetzt auch Südvietnam mit Geld und auch Militärberatern. In den USA glaubt man nämlich an die „Dominotheorie“: Wenn Südvietnam kommunistisch wird, also sozusagen wie ein Dominostein umfällt, dann werden viele andere Länder wie eine lange Kette von Dominosteinen folgen, bis zum Schluss die USA selbst kommunistisch werden. Im Sommer 1964 kommt es dann im Golf von Tonkin vor der nordvietnamesischen Küste zu einem folgenschweren Zwischenfall.
US-Kriegsschiffe melden Angriffe von ein paar Schnellbooten aus Nordvietnam. Das führt dazu, dass der US-Kongress den Präsidenten Lyndon Johnson kurz darauf ermächtigt, alle notwendigen Schritte, einschließlich der Anwendung bewaffneter Gewalt, zu ergreifen, um Südvietnam zu unterstützen. Das heißt, Johnson darf offiziell gegen Nordvietnam in den Krieg ziehen.
Schon damals gibt es Zweifel am genauen Hergang der Ereignisse. Heute gehen Historiker davon aus, den Angriff durch Nordvietnam, der Johnson die Unterstützung des Kongresses sichert, hat es in dieser Form nicht gegeben. Der Zwischenfall dient als Vorwand für den Kriegseintritt, der schon seit längerer Zeit vorbereitet wird.
Die USA bombardieren erst einmal ausgewählte Stellungen der nordvietnamesischen Armee und drohen mit noch mehr Luftangriffen. Für die Kommunisten ist damit klar, dass die USA sich in Südvietnam festsetzen werden. Sie schicken jetzt Kampftruppen in den Süden.
Die mit ihnen verbündeten Aufständischen greifen sogar einen US-Truppenstützpunkt an. Präsident Johnson befiehlt, Nordvietnam zunächst stärker zu bombardieren. Er will damit die Kommunisten zwingen, sich aus dem Süden zurückzuziehen.
Im Frühjahr 1965 beginnt dann die Operation „Rolling Thunder“, also Donnergrollen. Eine gewaltige Luftoffensive der USA, bei der die Luftstreitkräfte vor allem auf Flächenbombardements setzen. Das heißt einfach gesagt, dass man über einem größeren Zielgebiet eine große Menge Bomben abwirft.
Dabei wird in Kauf genommen, dass auch viele Zivilisten sterben. Die Luftangriffe sollen Nordvietnam zur Aufgabe zwingen. Aber das passiert nicht.
Deshalb folgt jetzt Schritt drei: Bodenkrieg und Chemiewaffen. Die USA schicken Hunderttausende Soldaten in den Krieg. 1968 sind etwa eine halbe Million GIs in Vietnam stationiert.
Das heißt, dass jetzt für Amerika viel mehr auf dem Spiel steht. Es geht um das Prestige, das Ansehen der Supermacht. Ich will mal ein Beispiel versuchen.
Zunächst haben zwei vietnamesische Boxer gegeneinander gekämpft. Die USA waren der Trainer von einem der Boxer. Aber als der zu verlieren droht, steigen die USA selbst in den Ring.
Jetzt müssen sie gewinnen und den Gegner k. o. schlagen, Denn immerhin sind sie ja der größte Boxer, also die stärkste Supermacht.
Natürlich braucht das US-Militär sehr viele Soldaten. So werden massenweise junge Männer zum Wehrdienst eingezogen. Damit beginnen die Anti-Vietnamkrieg-Proteste.
Der Krieg spaltet die US-amerikanische Gesellschaft. Die Soldaten, die frisch eingezogen wurden, sind unerfahren und haben natürlich Angst um ihr Leben. Das erschwert die Einsätze der Armee.
Sie geht wie bei einem herkömmlichen Krieg vor. Aber ihre kommunistischen Gegner merken schnell, dass sie dabei keine Chance haben. Also setzen sie auf die Guerillataktik.
Kleine Einheiten schlagen aus dem Hinterhalt schnell zu und verschwinden dann wieder. Der Vietcong, wie die nordvietnamesischen Guerillas auch genannt werden, vermeidet also eine größere direkte Konfrontation mit den militärisch überlegenen Einheiten der USA. Der Vietnamkrieg ist damit ein Paradebeispiel für einen sogenannten asymmetrischen Krieg.
Die eigentlich unterlegenen Nordvietnamesen agieren versteckt in Wald und aus unterirdischen Tunneln heraus und nutzen ihren Heimvorteil. Während die USA ihren unsichtbaren Gegner im Dschungel ohne feste Front vergeblich zu stellen versuchen. Sie setzen im Dschungel Krieg auf Bombenteppiche aus der Luft und Angriffe mit Napalm, einem Brennkampfstoff.
Napalm verursacht beim Menschen schwere Brandverletzungen. Es klebt am Körper und ist mit Wasser nicht zu löschen. Um den vietnamesischen Guerillaeinheiten die Deckung zu nehmen, versprühen US-Flugzeuge außerdem chemische Mittel, die die Bäume entlauben.
Eben, damit man bis zum Boden sehen und gezielt mit Flugzeugen bombardieren kann. Millionen Liter dieser Pflanzengifte werden in Vietnam und Kambodscha versprüht. Die hochgiftige Chemikalie, die in Fässern mit einem orangenen Warnhinweis geliefert wurde, bekommt den harmlos klingenden, fast schon niedlichen Namen „Agent Orange“.
Aber auch mit diesen umstrittenen Chemiewaffen kommen die USA militärisch nicht voran. Im Gegenteil: Es kommt zu Teil vier: der Tet-Offensive. Anfang 1968 greifen die Kommunisten überraschend die großen Städte des Landes an und versuchen, sie einzunehmen.
Die US-Truppen schlagen zurück. Letztlich schaffen sie es auch, die verloren gegangenen Gebiete zurückzuerobern. Beide Seiten bezahlen allerdings einen hohen Preis.
Es sterben viele Menschen, Soldaten und auch Zivilisten. Bei der Rückeroberung werden viele Städte zerstört. Immer mehr US-Amerikaner erkennen, dass der Krieg eigentlich nicht gewonnen werden kann.
Vielleicht denkt ihr jetzt: Okay, ist doch gut. Es sind jetzt beide Boxer so erschöpft, dass sie zu kämpfen aufhören, dann ist es vorbei. Aber so einfach ist es leider nicht, denn es folgt Schritt fünf: die Ausweitung des Krieges.
Anfang 1969 wird ein neuer US-Präsident vereidigt: Richard Nixon. Der hat im Wahlkampf versprochen, dass er den Krieg in Vietnam beenden wird. Seine Strategie lautet: Um zu gewinnen, muss man den Krieg ausweiten.
Nixon zieht zwar amerikanische Truppen Stück für Stück ab, aber er bombt noch mehr als zuvor. Er will den Nordvietnamesen Angst machen, damit die denken, er wäre verrückt genug, um jede Waffe einzusetzen. Im Bild geblieben: Der US-Boxer schlägt jetzt wie wild um sich und brüllt.
Nixon will die Nachschubwege der Kommunisten abschneiden und lässt im Geheimen Ziele im bisher neutralen Kambodscha bombardieren, in dem selbst ein Bürgerkrieg tobt. Tatsächlich verstecken sich dort im Dschungel auch kommunistische Kämpfer. Aber auch diese Taktik bringt nicht den entscheidenden Erfolg.
1972 greifen die Kommunisten wieder an und dringen nach Südvietnam vor. Jetzt gleicht das eher einem herkömmlichen Krieg. Die frisch ausgebildeten südvietnamesischen Truppen können die Angreifer nicht aufhalten.
Also bombardieren die USA wieder verstärkt der Norden. Tatsächlich schneiden sie den Angreifern so den Nachschub ab. Militärisch entsteht wieder ein Patt.
Der Krieg tobt also Anfang der 1970er-Jahre in seiner gesamten Grausamkeit. Aber seit geraumer Zeit laufen im Hintergrund Verhandlungen. Und damit kommen wir zu sechstens: die Verhandlungen.
Schon seit 1968, also mitten im Krieg, laufen in Paris Gespräche, wie der Vietnamkrieg beendet werden kann. Die Gespräche sind unglaublich kompliziert, weil dieser Krieg im Kalten Krieg ja so viele sichtbare und versteckte Mitspieler hat. Nicht umsonst bezeichnet man ihn auch als „Stellvertreterkrieg“ im Kalten Krieg.
Da sind natürlich die Kommunisten aus Nordvietnam und ihre Verbündeten, die Aufständischen in Südvietnam. Hinter ihnen stehen die Sowjetunion und China. Diese beiden kommunistischen Supermächte liegen miteinander übrigens auch überkreuz.
Auf der anderen Seite gibt es die Regierung in Südvietnam und die USA zusammen mit den Verbündeten. US-Präsident Richard Nixon lässt bombardieren. Gleichzeitig verhandelt aber sein außenpolitischer Berater Henry Kissinger im Geheimen mit den Nordvietnamesen.
Das wusste nicht mal das Außenministerium. Das Ganze ist nicht mehr zu durchschauen, so komplex ist die Situation. Denn im Hintergrund laufen Gespräche zwischen den USA und der Sowjetunion und zwischen den USA und China.
Die großen Gegner im Kalten Krieg wollen Entspannung. Und tatsächlich nähert man sich an, und so wird auch eine Einigung in Vietnam möglich. Nur die Kriegsgegner vor Ort, die Südvietnamesen und die Kommunisten aus dem Norden, wollen noch das Bestmögliche für sich herausholen und stellen sich quer.
Da lässt Nixon Nordvietnam innerhalb von zwei Dezemberwochen noch einmal massiv bombardieren. Es sind die schwersten Bombenangriffe der US-Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg. Wegen der Jahreszeit damals wird die Operation auch Christmas Bombing genannt.
Ende Januar 1973 wird dann tatsächlich ein Abkommen unterzeichnet. Der Vietnamkrieg ist beendet, zumindest für die Vereinigten Staaten von Amerika. Der Bürgerkrieg geht aber weiter.
Aber ohne die Truppen der USA kann Südvietnam nicht lange bestehen. Im Frühjahr 1975 startet Nordvietnam eine weitere Offensive und erobert Saigon, die Hauptstadt des Südens. Vietnam wird wiedervereinigt, Hunderttausende Südvietnamesen werden in grausame Umerziehungslager geschickt.
Und damit zu: Siebtens die Folgen. Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen wir die Folgen des Vietnamkriegs anschauen müssen. Erst einmal die Vietnamesische.
Vietnam ist nach dem langen Krieg zerstört, verwüstet. Riesige Flächen sind wegen der chemischen Mittel vergiftet. Bis heute sterben Menschen an Krebs als Folge dieser Vergiftung.
Kinder kommen mit schweren Behinderungen zur Welt, weil die Gifte das Erbgut schädigen. Und dann die unmittelbaren Toten. Millionen Menschen sind auf beiden Seiten gestorben.
Der Krieg war so grausam, dass er tiefe Wunden in die Seelen der Menschen gerissen hat. Am Ende müssen sich die Südvietnamesen dem Kommunismus unterwerfen. Dann die US-amerikanische Ebene.
Der Vietnamkrieg ist der erste Krieg, den die USA verloren haben. Mehr als 58. 000 Soldaten sterben, mehr als 300.
000 werden verwundet und verstümmelt. Viele Soldaten waren im Krieg, auch in einem psychisch schlechten Zustand. Viele nehmen Heroin oder andere Drgen.
Viele werden abhängig. Bis heute haben Veteranen Probleme mit Drgen, Alkohol und Depressionen. Außerdem fühlen sich viele ausgestoßen, denn die zurückkehrenden Soldaten wurden nicht mit einer Parade begrüßt.
Im Gegenteil: Es finden viele, dass sie in einem falschen Krieg kämpfen mussten. In den 1980er-Jahren wird in den USA das Vietnam Veterans Memorial in Washington eröffnet. Vielleicht war er ja auch schon einmal da.
Es gibt Filme, Bücher, Songs, die sich damit beschäftigen. Das Lied „Born in the USA“ von Bruce Springsteen zum Beispiel handelt von einem hoffnungslosen Vietnamveteranen. Glaubt man gar nicht.
Bei der Melodie. Bis heute wird das Trauma aufgearbeitet. Der Vietnamkrieg ist auch der erste Krieg, der über den Fernseher zu den Menschen nach Hause kommt.
Die Berichte über die Grausamkeiten, die auch die US-Soldaten verüben, haben eine Welle von Antiamerikanismus ausgelöst. Die Studentenbewegung der 1960er-Jahre in Deutschland wendet sich auch gegen den Vietnamkrieg. Also ein breites Protestbündnis, kann man sagen.
Jetzt will ich wissen, Wie seht ihr denn den Vietnamkrieg? Sagt ihr, da kann man auch heute noch Rückschlüsse daraus ziehen? Das sollte uns eine Lehre sein?
Oder sagt ihr, das ist vergangen? Das kann man nicht vergleichen, zum Beispiel nicht mit aktuellen Konflikten. Schreibt eure Meinung dazu gerne unten in die Kommentare.
Und bitte bleibt sachlich. Hier rechts von mir findet ihr ein Video von uns über das Jahr 1968. Gerade eben haben wir schon kurz über gesprochen, Stichwort Studentenbewegung und darunter eine Doku von Terra X über Vietnam.
Da geht es auch darum, welche Folgen der Vietnamkrieg bis heute für das Land hat. Danke fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.