Der massive Ausbau der Photovoltaik überfordert die Stromnetze in Deutschland. Schon zu Ostern drohten regionale Abschaltungen, warnen Experten. Dann könnten große Solarstromüberschüsse die Frequenz im Stromnetz aus dem Takt bringen.
Damit es keinen unkontrollierten Ausfall gibt, werden Energieerzeuger abgeregelt. Das heißt, das ist bei Solarstrom aber nur begrenzt möglich. Im Notfall werden dann zeitlich begrenzt ganze Regionen vom Stromnetz genommen.
Die Wahrscheinlichkeit dafür hat zugenommen, weil innerhalb kurzer Zeit sehr viele neue Photovoltaikanlagen errichtet wurden, warnen auch Solarunternehmen. Außerdem könnte es teuer werden. Immer mehr Solarstrom wird erzeugt, wenn wegen des Überangebots die Preise negativ sind.
Das alles wollen wir doch noch mal detailliert besprechen und uns einordnen lassen. Bei mir ist nun Daniel Wetzel, Energieexperte aus unserer Weltwirtschaftsredaktion. Ja, Daniel, so sonnenreich ist unser Deutschland doch gar nicht.
Warum gibt es denn ausgerechnet hier so viele Solarfans? Na ja, wir haben natürlich eine doppelte Anreizsituation sozusagen. Also Solarenergie wurde immer sehr hoch subventioniert durch eine hohe Einspeisevergütung.
Ja, das wurde nach dem Einmarsch der Russen in der Ukraine noch mal aufgestockt. Also man will dann über 200 Gigawatt Solar installieren, einfach um unabhängig zu werden von Gas und Öl. So, das war die Idee, und wir hatten auch das Geld dafür.
Aber wir hatten keine Begrenzung, und der Ausbau ging immer weiter, und keiner hat Stopp gerufen. Und jetzt haben wir eine Situation, die völlig ungewohnt ist. Wir haben zu viel Ökostrom, wo wir jahrelang zu wenig hatten.
Mhm. Und Tag für Tag muss dafür eine Fläche – ich habe die Zahl noch mal rausgesucht – so groß wie 43 Fußballfelder mit Solarmodulen belegt werden. Bei Stromnetzbetreibern, ja klar, werden nun erste Zweifel laut.
Wie sehr überlastet denn dieser Photovoltaik-Ausbau jetzt auch die Stromnetze hier in Deutschland? Das Problem ist natürlich: Solar ist eine besondere Stromerzeugungsart. Also die kann nicht geregelt werden bislang.
Also es gibt so Wechselrichter, da kann man Solaranlagen auch mal abstellen. Aber bisher, diese vielen kleinen auf den Dächern, die vielen kleinen Anlagen auf Dächern, die können nicht geregelt werden und abgestellt werden. Und jetzt kommt zu Ostern wahrscheinlich eine sehr niedrige Nachfrage, weil das ganze Land im Urlaub ist und ganz viel Solarstrom, der sich nicht abstellen lässt.
Und dieses Missverhältnis, das droht jetzt die Frequenz im Stromnetz aus dem Takt zu bringen. Da muss immer genau 50 Hertz Frequenz vorherrschen. Wenn man das nicht mehr exportieren kann, wenn man das nicht mehr wegspeichern kann, dann hat man ein Problem mit der Frequenz.
Und dann kann das passieren, dass der Netzbetreiber sagt: Um ein Blackout zu verhindern, mache ich einen sogenannten Brownout. Das heißt, ich stelle ganze Regionen komplett vom Netz ab. Das heißt, auch die Verbraucher, nicht nur die Stromerzeuger, sondern auch die Verbraucher.
Das heißt, bei uns wird für drei Stunden der Fernseher schwarz. Du hast uns jetzt gerade schon angesprochen, dabei werden nämlich jetzt auch die Kosten – ich habe es auch eben gesagt – es wird immer teurer. Die Kosten für den Steuerzahler werden oft unterschätzt.
Da die Strompreise immer häufiger negativ sind, subventioniert der Staat immer öfter wertlosen Strom. Wie kann das denn sein? Wie passt das denn zusammen?
Ja, man hat halt mit der Einspeisevergütung nach dem EEG-Gesetz teilweise 50 Cent pro Kilowattstunde Solarstrom versprochen, die dann über 20 Jahre lang ausgezahlt werden. Und das zahlen wir heute immer noch ab. Also bei einer neuen Solaranlage kriegt der Eigentümer vielleicht noch 7, 8 Cent Einspeisevergütung, aber das war in den letzten Jahren noch sehr, sehr viel mehr.
Und darauf hat er jetzt gesetzlichen Anspruch. Und der Netzbetreiber ist verpflichtet, diesen Strom aufzukaufen und an der Strombörse weiterzuverkaufen. Wenn an der Strombörse aber der Preis null ist, dann kriegt der Netzbetreiber dafür kein Geld mehr, aber er ist verpflichtet, beim Anlagenbetreiber alles aufzukaufen, selbst wenn gar keine Nachfrage da ist.
Und diese Differenz – hohe Ausgaben für den Stromankauf, keine Einnahmen durch den Stromweiterverkauf – die muss der Steuerzahler ausgleichen, aus dem Bundeshaushalt. Und das sind in diesem Jahr, also im letzten Jahr 2024, über 20 Milliarden Euro gewesen. Das sind enorme Summen.
Und der Bund muss die Produktion der Erneuerbaren auch in diesem Jahr massiv mit Steuergeld bezuschussen. Du hast es eben schon kurz angesprochen: Der größte Teil der Zahlung fließt an die Produzenten von Sonnenenergie, obwohl ja eigentlich die Windkraft viel mehr produziert. Wie passt das denn auch zusammen?
Mit den Zuschüssen sind zu zwei Drtteln der EEG-Zuschüsse – ja, das ist richtig – Solar wird besonders stark subventioniert. Vielleicht auch gerade, weil sie so ertragsschwach ist eigentlich im schattigen Deutschland. Das ist ein bisschen bizarr.
Aber es galt ja auch: Windkraft hat Landschaftsverschandelung, das hat so Effekte, die man nicht so will. Dann gab es auch Probleme mit dem Vogelschutz. Die Leute möchten keine Windräder sehen in ihren Dörfern.
Solar lag immer so als unproblematisch. Die liegen dann auf den Dächern, schaden nicht und stören nicht weiter. So, und deswegen wurde das besonders stark gefördert, besonders stark subventioniert.
Und jetzt geraten wir da leider an die Grenzen technischer Art und auch finanzieller Art. Und du hattest ja auch gerade erst getitelt: Deutschland steckt fest in der Solarsackgasse. Vielen Dank für all die Erläuterungen.
Wie tief wir denn wirklich feststecken, Daniel Wetzel aus unserer Weltwirtschaftsredaktion. Gerne.