Im Jahre 1911 veröffentlichte der Lehrer Ernst Seefried-Gulgowski ein Buch über die Kaschuben unter dem Titel "Von einem unbekannten Volke in Deutschland". Auch wenn die Kaschuben als Folge der über Europa hereingebrochenen Stürme inzwischen außerhalb Deutschlands Grenzen leben, so hat sich an dem Prädikat "unbekannt" bis heute nichts geändert. Wer aber in die Welt dieses Volkes eintaucht, begegnet einer Identität, die sich über Jahrhunderte hinweg gegen die Assimilierungsversuche mächtiger Nachbarn behauptet hat.
Das Herzstück ihrer Identität ist zweifellos die Sprache. Als einzige in Polen offiziell anerkannte Regionalsprache ist Kaschubisch eine eigenständige westslawische Sprache mit eigenen grammatikalischen Strukturen und einem Wortschatz, der Einflüsse aus dem Polnischen, Deutschen und dem inzwischen ausgestorbenen Elbslavischen in sich vereint. Geografisch ist das Volk in der malerischen Kaschubischen Schweiz beheimatet.
Diese Region westlich von Danzig ist geprägt von einer eiszeitlichen Hügellandschaft mit über 700 Seen, die den Kaschuben über Generationen Schutz und Lebensraum boten. Inmitten dieser Natur hat sich ein Brauchtum erhalten, das andernorts längst verschwunden ist. Ein tief verwurzeltes Ritual ist das gemeinsame Schnupfen von Tabak.
Das Herbeiholen einer kunstvoll verzierten Dose aus Kuhhorn ist ein Akt der Gastfreundschaft. Bei Zusammenkünften gilt es als Ehre, dem Gegenüber eine Prise anzubieten – ein Brauch, der in jährlichen Meisterschaften im Tabakschnupfen gipfelt. Die visuelle Welt der Kaschuben wird aber von der berühmten Sieben-Farben-Stickerei dominiert.
In den floralen Mustern, die Trachten und Tischtücher schmücken, spiegelt sich die Natur wider. Dri verschiedene Blautöne repräsentieren die Seen, den Himmel und das Meer, während Grün für die Wälder und Schwarz für die fruchtbare Erde steht. Diese Heimatverbundenheit fand auch Eingang in die Weltliteratur.
Der Nobelpreisträger Günter Grass, dessen Mutter Kaschubin war, setzte 1959 dem Volk in seinem Roman „Die Blechtrommel“ ein Denkmal. Die Familiengeschichte des Haupthelden Oskar Matzerath führt zu seiner Großmutter Anna Bronski, die „kaschubisch sprach und kaschubisch dachte“. Am Anfang des Romans versteckt sie den flüchtigen Joseph Koljaiczek „unter ihren vier Röcken“.
Was auf den ersten Blick komisch grotesk wirkt, ist symbolisch. Die Großmutter, die unter ihren weiten Röcken Schutz vor den Stürmen der Geschichte bietet, ist ein Sinnbild für die Beständigkeit und den zähen Überlebenswillen der Kaschuben. Heute erzähle ich euch über dieses Volk.
Wer sind also die Kaschuben? Handelt es sich bei ihnen um ein eigenständiges Volk? Oder sind sie doch Polen?
Anhand historischer Quellen, sprachlicher Befunde und genetischer Ergebnisse zeige ich euch, wie dieses Volk entstand. Fangen wir nun mit dem Ethnonym an! Name Die Herkunft des Namens “Kaschube” gehört zu den bis heute nicht abschließend geklärten Fragen.
Zwar ist der Name seit dem Hochmittelalter gut belegt, doch seine ursprüngliche Bedeutung, sprachliche Wurzel und Entstehungssituation lassen sich nur indirekt rekonstruieren. Entsprechend existieren mehrere wissenschaftliche Deutungsansätze, die sich teilweise ergänzen, teilweise konkurrieren. Der Name erscheint erstmals im 13.
Jahrhundert in lateinischen Schriftquellen. In Urkunden und Chroniken finden sich Formen wie “Cassubia”, "Cassubi" oder “Cassubitae”. Auffällig ist dabei, dass diese Bezeichnungen zunächst nicht eindeutig die heutige kaschubische Kernregion im östlichen Pommern meinten.
Vielmehr wurden sie anfangs häufig für größere Teile Pommerns oder sogar für pomoranische Herrscher und Gebiete im weiteren Sinn verwendet. Erst im Laufe der folgenden Jahrhunderte verengte sich die Bedeutung auf die slawischsprachige Bevölkerung im östlichen Pommern. Das ist ein Hinweis darauf, dass „Kaschube“ ursprünglich keine klare ethnische Selbstbezeichnung, sondern eher ein Fremd- oder Sammelname war.
Der in der Forschung am häufigsten vertretene Erklärungsansatz ist sprachlich-etymologischer Natur. Er führt den Namen auf ein altslawisches Wortfeld zurück, das mit Kleidung, Bedeckung oder äußerer Erscheinung in Verbindung steht. Rekonstruiert wird meist ein Wortstamm wie “kasz-” oder "kaš-", der sinngemäß „zusammenziehen“, „falten“, „verhüllen“ oder „umwickeln“ bedeutete.
Daraus ergibt sich die verbreitete Deutung, dass das Wort „Kaschube“ ursprünglich etwa „die mit groben oder gefältelten Gewändern Bekleideten“ bezeichnete. Solche Benennungen nach Tracht, Kleidung oder äußerem Erscheinungsbild sind im mittelalterlichen Europa häufig und wurden fast immer von außen vergeben, oft mit leicht abwertendem oder zumindest distanzierendem Unterton. Eng damit verbunden ist eine sozialgeschichtliche Interpretation.
In den mittelalterlichen Städten Pommerns setzte sich früh eine deutsche Stadtbevölkerung mit anderer Kleidung, Lebensweise und Rechtsstellung durch. Die ländliche slawische Bevölkerung unterschied sich sichtbar von ihnen in Tracht, Sprache und Alltagskultur. Der Name „Kaschube“ könnte demnach ursprünglich eine soziale Abgrenzung bezeichnet haben: die slawischen, bäuerlichen Bewohner des Hinterlandes im Gegensatz zur urbanen, deutschsprachigen Bevölkerung der Küstenstädte.
Erst später wurde diese soziale Bezeichnung ethnisch interpretiert und verfestigt. Ein zweiter größerer Erklärungsansatz sieht den Ursprung des Namens in geographischen oder landschaftlichen Gegebenheiten. Einige Teile Pommerns waren im Mittelalter durch Wälder, Moore, Seen und schwer zugängliches Gelände geprägt.
Einige Sprachwissenschaftler vermuten daher, dass „Kaschube“ ursprünglich Menschen bezeichnete, die in einer bestimmten Rand- oder Rückzugslandschaft lebten. Auch hier wäre der Name zunächst eine regionale Bezeichnung, die erst im Laufe der Zeit zur ethnischen Selbstdefinition wurde. Diese Theorie ist weniger gut belegt als die Kleidungsthese, wird aber als ergänzende Erklärung ernsthaft diskutiert.
Besonders wichtig ist der Wandel der Bedeutung des Namens. Über Jahrhunderte hinweg war „Kaschube“ primär eine Fremdbezeichnung, die nicht positiv besetzt war. Erst im 19.
Jahrhundert, im Zuge der nationalen und kulturellen Erneuerungsbewegungen Europas, wurde der Name als Selbstbezeichnung angenommen und umgedeutet. Genetik Die genetische Zusammensetzung der Kaschuben lässt sich anhand moderner populationsgenetischer Untersuchungen relativ detailliert beschreiben, auch wenn stets zu betonen ist, dass es sich um statistische Mittelwerte handelt und nicht um feste, „ethnisch reine“ Marker. Genetik bildet historische Prozesse ab – Migration, Vermischung und Kontinuität – und bestätigt bei den Kaschuben vor allem eines: ihre klare Einbindung in den westslawischen Bevölkerungsraum Nordmitteleuropas bei gleichzeitiger regionaler Besonderheit.
Betrachtet man zunächst die väterlichen Linien (Y-Chromosom-Haplogruppen), so zeigt sich ein deutliches Schwergewicht bei der Haplogruppe R1a. Je nach Studie liegt ihr Anteil bei den Kaschuben zwischen 55 und 65%, womit sie klar die dominierende Linie darstellt. Innerhalb von R1a überwiegen insbesondere die Untergruppen R1a-M458 und R1a-Z282, die als typische Marker west- und ostslawischer Populationen gelten.
Diese hohe Frequenz wird von der Forschung als starker Hinweis auf eine demographische Kontinuität seit der slawischen Besiedlung Pommerns im frühen Mittelalter interpretiert. Im Vergleich dazu liegt der R1a-Anteil in westeuropäischen, nichtslawischen Populationen meist deutlich unter 20%, was die regionale Aussagekraft dieser Linie unterstreicht. Die zweitwichtigste Gruppe bilden Haplogruppen der I-Familie, die zusammen etwa 15 bis 25% der kaschubischen männlichen Linien ausmachen.
Innerhalb dieser Gruppe entfällt auf I1 ungefähr 8 bis 12%. Diese Haplogruppe hat ihren Schwerpunkt in Skandinavien und Norddeutschland und wird häufig mit nordgermanischen Bevölkerungen in Verbindung gebracht. Ihr Vorkommen bei den Kaschuben lässt sich historisch gut erklären durch den Ostseehandel, Kontakte zur Wikingerwelt sowie durch langfristige Nachbarschaft zu norddeutschen Regionen.
Die Haplogruppe I2, v. a. der Zweig I2a, liegt bei etwa 7 bis 13%.
Sie gehört zu den ältesten europäischen Linien überhaupt und war bereits vor der slawischen Expansion in Osteuropa verbreitet. Ihr heutiges Auftreten bei slawischen Populationen – einschließlich der Kaschuben – zeigt, dass sich die slawische Identität historisch, kulturell und sprachlich, nicht aber durch vollständigen Bevölkerungsaustausch, durchgesetzt hat. Ein weiterer relevanter, aber deutlich schwächerer Bestandteil ist die Haplogruppe R1b, die in Westeuropa dominiert.
Bei den Kaschuben liegt ihr Anteil bei etwa 10 bis 15%. Diese Linie wird in der Regel mit späteren historischen Prozessen in Verbindung gebracht, insbesondere mit mittelalterlicher Zuwanderung im Zuge der deutschen Ostsiedlung, städtischer Entwicklung und überregionalem Handel. Sie ist präsent, aber klar nicht prägend für das genetische Gesamtprofil.
Andere Haplogruppen wie N, E oder J treten nur in geringen Anteilen auf, meist jeweils unter 3 bis 5%, und spiegeln punktuelle Kontakte oder ältere europäische Wanderungsbewegungen wider. Die mütterlichen Linien (mitochondriale Haplogruppen) zeigen ein etwas anderes Bild, das insgesamt weniger regional differenziert ist. Dominant ist hier die Haplogruppe H, die bei den Kaschuben etwa 40 bis 45% ausmacht.
Diese Haplogruppe ist in ganz Europa weit verbreitet und geht größtenteils auf neolithische Bevölkerungen zurück. Die Haplogruppen der U-Familie, insbesondere U5 und U4, erreichen zusammen 15 bis 20%. Sie zählen zu den ältesten Linien Europas und waren bereits bei mesolithischen Jägern und Sammlern vorhanden, lange bevor sich slawische Sprachen ausbreiteten.
Weitere Haplogruppen wie J, T, K und W liegen jeweils im Bereich von 5 bis 10% und stehen mit Bevölkerungsbewegungen der Jungsteinzeit und Bronzezeit in Verbindung. In der Gesamtschau ergibt sich daraus ein sehr konsistentes Bild. Zwei Drttel der väterlichen Linien der Kaschuben sind slawisch geprägt, während ein Drttel auf ältere europäische Linien oder historisch erklärbare Fremdeinflüsse entfällt.
Die mütterlichen Linien zeigen dagegen eine Kontinuität, wie sie für viele Bevölkerungen Nord- und Mitteleuropas typisch ist. Diese Kombination ist charakteristisch für Regionen, in denen sich kulturelle und sprachliche Identität über lange Zeiträume erhalten hat, ohne dass es zu vollständiger genetischer Abschottung kam. Damit bestätigen die Haplogruppen deutlich das historische Bild der Kaschuben: Sie sind genetisch im westslawischen Raum verankert, weisen eine hohe lokale Kontinuität auf und tragen zugleich Spuren der vielfältigen Kontakte, denen Pommern über Jahrhunderte hinweg ausgesetzt war.
Ethnogenese Die Ethnogenese der Kaschuben ist eine der komplexesten Erzählungen der europäischen Geschichte. Sie handelt von einem Volk, das über anderthalb Jahrtausende hinweg zwischen den Machtblöcken des Ostens und Westens seine Identität bewahrt hat. Es ist die Geschichte eines „Überlebenskünstlers“ unter den slawischen Stämmen.
Die Geschichte beginnt im 6. und 7. Jahrhundert, während der Zeit der großen Völkerwanderung.
Nachdem germanische Stämme wie die Goten das Gebiet zwischen Oder und Weichsel verlassen hatten, rückten westslawische Gruppen nach. Diese Siedler werden heute zusammenfassend als Pomoranen bezeichnet – ein Name, der sich aus dem Slawischen “po more” („am Meer“) ableitet. Innerhalb dieser pomoranischen Gruppe bildeten sich verschiedene Stammesverbände heraus.
Die Vorfahren der heutigen Kaschuben siedelten v. a. im östlichen Teil dieses Gebiets, in der Region, die wir heute als Pommerellen kennen.
Am nächsten verwandt war ihre Sprache mit dem mittlerweile ausgestorbenen Slowinzischen. Kaschubisch und Slowinzisch bilden mit den ebenfalls ausgestorbenen Sprachen Pomoranisch und Polabisch die Gruppe der elb-ostsee-slawischen Sprachen, die zusammen mit dem Polnischen die lechische Untergruppe des Westslawischen bilden. Im weiteren Sinne wird Kaschubisch oft zum Pomoranischen als letzter erhaltener Dialekt gezählt, die Kaschubei gehörte nämlich zum Gebiet der Pomoranen.
Im engeren Sinne ist Pomoranisch dagegen die frühere Sprache Hinterpommerns ohne Kaschubisch. Denn die folgenden Lautverschiebungen ( l --> ł, r-->rz) haben Kaschubisch und Polnisch gemeinsam, fehlen aber im Pomoranischen. Interessant ist auch die Tatsache, dass sich Kaschubisch in der Aussprache von anderen slawischen Sprachen unterscheidet.
So steht dem russischen “gorod”, dem polnischen “gród” und dem serbischen “grad” das kaschubische Wort “gard” für befestigte Siedlung bzw. Stadt gegenüber, die dem urslawischen Vorläufer “gordъ” entspricht. Aber zurück zum eigentlichen Thema!
Von Bedeutung für die Ethnogenese der Kaschuben war auch das weitere Umfeld westslawischer Stämme wie z. B. der Wilzen, was zeigt, wie vielfältig und zugleich zusammenhängend dieser Kulturraum war.
Alle diese Gruppen teilten ähnliche soziale Strukturen, eine agrarisch geprägte Lebensweise, vergleichbare Rechtstraditionen sowie vorchristliche religiöse Vorstellungen, die später christianisiert wurden. Die Kaschuben entstanden also nicht isoliert, sondern innerhalb eines dichten Netzes westslawischer Beziehungen. In dieser Frühphase unterschieden sich die Vorfahren der Kaschuben sprachlich kaum von den benachbarten Stämmen, die später das polnische Staatsvolk bilden sollten.
Doch die geografische Lage schuf eine frühe Barriere. Die dichten Urwälder und die riesigen Seenplatten des Hinterlandes wirkten wie natürliche Festungen. Während sich im Binnenland das Piasten-Reich der Polen formierte, entwickelten die Pomoranen an der Küste eine eigenständige, dezentrale Stammeskultur mit starken Befestigungsanlagen wie Danzig, Stettin oder Wollin.
Der entscheidende Abschnitt der Ethnogenese begann im 12. und 13. Jahrhundert.
Von Westen drängte das Heilige Römische Reich voran. Von Osten kam der Deutsche Orden, der das Land mit steinernen Festungen überzog. Von Süden versuchte Polen, den Zugang zur Ostsee zu sichern.
In dieser Zeit spaltete sich das pomoranische Erbe. Während die westlichen Gebiete (Vor- und Hinterpommern) zunehmend germanisiert wurden und deren Bewohner ihre slawische Sprache verloren, blieb im Osten – in Pommerellen – ein harter Kern bestehen. Hier verfestigte sich der Name „Kaschube“.
Er bezeichnete nun nicht nur einen vagen Stamm, sondern eine spezifische soziale und ethnische Gruppe, die sich weigerte, im Deutschtum oder im Polentum vollends aufzugehen. Die Kaschuben wurden zu den „Bewahrern des pomoranischen Erbes“. Ein oft übersehener Faktor der kaschubischen Ethnogenese war einige Jahrhunderte später die Reformation.
Als das Herzogtum Pommern im 16. Jahrhundert protestantisch wurde, blieben die Kaschuben im Osten mehrheitlich katholisch. Dieser Glaubensunterschied wirkte wie ein chemisches Trennmittel: Er verhinderte die Verschmelzung mit den deutschsprachigen Nachbarn im Westen.
Gleichzeitig waren die Kaschuben sozial an den Rand gedrängt. Als „freies Bauernvolk“ oder kleiner Adel entwickelten sie eine tiefe Skepsis gegenüber zentralen Autoritäten. Diese „Eigensinnigkeit“, die oft als Sturheit missverstanden wurde, war in Wahrheit der Klebstoff ihrer Identität.
Im 19. Jahrhundert drohte der kaschubischen Sprache das Schicksal eines bloßen „Bauern-Dialekts“ des Polnischen. Der erste Schriftsteller, der auf Kaschubisch schrieb, war Florian Ceynowa, der auch politisch aktiv war.
Er vertrat die Ansicht, dass die Kaschuben ein eigenständiges slawisches Volk seien – verwandt mit Polen, aber mit eigener Seele. Der andere Schriftsteller Alexander Majkowski betonte auch die Eigenständigkeit der kaschubischen Kultur. Er wehrte sich sowohl gegen die Germanisierung durch Preußen als auch gegen eine vollständige Aufsaugung durch die polnische Einheitskultur.
Sein Roman „Das Abenteuer des Remus“ gilt als das „Nationalepos der Kaschuben“. Er erzählt die Geschichte eines wandernden Hausierers namens Remus, der versucht, den „Geist der Kaschubei“ aus der Knechtschaft zu befreien. Es ist ein Werk über den Überlebenskampf einer kleinen Kultur zwischen zwei großen Mächten (Deutschland und Polen).
Die Kaschuben sahen sich nicht als der „arme Fischer von der Putziger Wiek“, sondern Teil eines uralten Volkes mit einer eigenen Flagge (Schwarz-Gold) und einer eigenen Hymne. Über allem wachte der schwarze Greif auf goldenem Grund – das Wappentier der Kaschuben, das ihre Abstammung von den alten pommerschen Herzögen unterstrich. Den großen Einschnitt ins Leben der Kaschuben brachten beide Weltkriege im 20.
Jahrhundert. Nach dem 1. Weltkrieg fiel der größte Teil des Siedlungsgebiets der Kaschuben an den neu entstandenen polnischen Staat, der westliche Teil - an Deutschland und ein östlicher Streifen - an die Freie Stadt Danzig.
All diese Gebiete wurden aber nach dem 2. Weltkrieg Polen zugeteilt. Nun zu der Frage, ob man die Kaschuben als ein eigenständiges Volk betrachten kann?
Aus der Sicht der Kaschuben, ja! Sie sehen sich als die Ureinwohner. Sie sind nicht nach Polen eingewandert; sie waren schon dort, als die ersten Grenzen des polnischen Staates im 10.
Jahrhundert gezogen wurden. Diese tiefe Verwurzelung in der Scholle zwischen Ostsee und Seenplatte hat ein Selbstbewusstsein geformt, das sich von dem der Bewohner Warschaus oder Krakaus unterscheidet. Dabei war die Beziehung zu Polen nicht immer spannungsfrei.
Der Grund dafür sind die Deutschen. Bei ihnen gab es die verbreitete Annahme, die Kaschuben seien leichter zu assimilieren als andere Slawen. Sie galten als politisch wenig organisiert, stark ländlich geprägt und kulturell „formbar“.
Manche deutsche Forscher interpretierten die Kaschuben sogar als Mischbevölkerung zwischen Slawen und Germanen, was dazu führte, dass man sie als kulturell den Deutschen näher stehend betrachtete als Polen. Außerdem lebten in der Kaschubei Deutsche und Kaschuben über Generationen hinweg in unmittelbarer Nachbarschaft. Gemeinsame wirtschaftliche Interessen, Handel, Mischehen führten zu einem funktionierenden Zusammenleben.
Nach dem 2. Weltkrieg und der Vertreibung des Deutschen änderte sich die Lage. Die Polen begegneten den Kaschuben wegen der bevorzugten Behandlung seitens der Deutschen mit tiefem Misstrauen.
Außerdem klang die kaschubische Sprache für die Ohren der Beamten aus Zentralpolen fremd, fast „deutsch“ oder zumindest verdächtig eigenbrötlerisch. Viele Kaschuben fühlten sich in dieser Zeit wie Bürger zweiter Klasse, deren Loyalität ständig infrage gestellt wurde. Dieses „Dazwischenstehen“ hat dann einige Generationen geprägt, die lernten, ihre Identität nur im Privaten zu bewahren, während sie nach außen hin perfekt funktionierende polnische Staatsbürger waren.
Heute hat sich dieses Spannungsfeld aufgelöst. In den Volkszählungen der letzten Jahre zeigt sich das folgende Bild: Die überwältigende Mehrheit der Kaschuben gibt an, sowohl kaschubisch als auch polnisch zu sein. Ein Beispiel für diese Symbiose ist der Ministerpräsident Donald Tusk.
Als er auf der politischen Bühne erschien, wurde seine Herkunft oft thematisiert, obwohl er Kaschubisch nicht spricht. Trotz dieser sprachlichen Assimilierung sagte er stolz bei einem Treffen mit Kaschuben 2009: „Man behauptet von uns, den Kaschuben, dass wir dickköpfig wären. Aber wir können erhobenen Hauptes sagen, dass das nicht stumpfsinnige Sturheit ist, sondern jahrhundertealte Ausdauer.
” Das trifft auf den Punkt! Die Ethnogenese der Kaschuben ist das Ergebnis einer bemerkenswerten Resistenz gegenüber Assimilationsdruck. Als direkte Erben der mittelalterlichen Pomoranen besiedelten sie einst ein riesiges Territorium entlang der Ostsee.
Doch während verwandte Stämme wie die Elbslawen oder die Bewohner Westpommerns im Zuge der deutschen Ostsiedlung ihre sprachliche Identität verloren, bildete sich im unwegsamen Seenland der Kaschubei ein kultureller Rückzugsort. Über Jahrhunderte waren sie für die Deutschen Slawen, für die Polen aber „verdeutschte“ Grenzbürger. Gerade diese Randlage formte ihren spezifischen Charakter.
Die Kaschuben entwickelten eine Identität, die auf der Loyalität zur „Kleinen Heimat“, dem katholischen Glauben und einer Sprache basiert, die archaische westslawische Züge bewahrte, die im Polnischen verschwunden sind. Ihre Ethnogenese ist noch nicht abgeschlossen; sie ist ein andauernder Prozess, in dem eine alte Stammesidentität in eine neue Regionalidentität transformiert wurde. Tusk ist das Gesicht dieses Prozesses: ein Beweis dafür, dass die kaschubische Ethnogenese in der Integration bei gleichzeitigem Erhalt der Besonderheit mündet.